Wenn eins zum anderen kommt.
Wer mich kennt, der weiß, dass ich schon mein ganzes Leben lang der Faszination der ägyptischen Kultur und Geschichte erlegen bin. Angefangen hat wohl alles mit den mystischen, fremdartigen Souvenirs, die mein Vater in den 60er Jahren von seinen Geschäftsreisen in den Sudan und nach Ägypten zu uns ins beschauliche Ochtrup mitbrachte. Kleine und große Mitbringsel, gefertigt aus Ebenholz, Perlmutt und Alabaster. Davon fühlte sich der kleine Thomas magisch angezogen. Heute würde man wohl sagen: Ich war getriggert.
Während meines Studiums der Alten Geschichte kam ich im Rahmen einer Exkursion mit dem renommierten Professor Metzler zum ersten Mal in das Land am großen Strom. Danach war es vollends um mich geschehen. Gleich nach dem Studium bewarb ich mich beim Studienreisen-Anbieter Dr. Tigges und fortan konnte ich in den 80er-Jahren auf vielen Reisen unzähligen, wissbegierigen Reisenden die faszinierende Schönheit und die einzigartige Geschichte Ägyptens näherbringen.
Also, liebe Freundinnen und Freunde, ein Greenhorn bin ich hier nicht.
Wie ich es mit meinen ägyptischen Partnern geschafft habe, eine echte Feluke in traditioneller Holzbauweise zu konstruieren und auf den Nil zu bringen, verblüfft mich allerdings auch heute noch immer wieder. Wenn wir das Segel der Horus in den Wind legen und fast lautlos übers Wasser treiben, muss ich mich manchmal kneifen und mir auch schon mal die feuchten Augen reiben.
Und jetzt auch noch ein eigenes Haus! Ich kann nicht leugnen, dass sich in die große Freude darüber auch ein wenig Stolz mischt. Denn der Weg dorthin war nicht ganz leicht. Auch habe ich nicht einfach ein Haus gekauft, sondern es selbst geplant und neu gebaut. Nun ja, natürlich nicht ganz allein, sondern gemeinsam mit meinen langjährigen ägyptischen Partnern, die mir über die Jahre zu guten Freunden geworden sind. Kommt einfach mit, ich zeig es euch!
Von Oldenburg nach Sehel
Aus der norddeutschen Tiefebene führt der schnellste Weg zu meinem zweiten Zuhause zunächst mit dem Zug ins niederländische Schiphol. Weiter geht’s mit dem Flieger über Kairo nach Assuan. Wenn ich dort nach einer Reisezeit von 8 Stunden die Gangway betrete, trifft mich jedes Mal der Schlag: Vor Freude, wieder im Land meiner Sehnsucht zu sein. Und von der trocken-heißen Luft, die mich mit ihrem typischen aromatischen Flair sofort samtweich umhüllt und in mir dieses überwältigende Coming-Home-Feeling weckt.
Am Flughafen empfängt mich mein alter, zuverlässiger Freund Galal, um mich mit seinem Peugeot 504 sicher und gelassen auf einer immer wieder abenteuerlich anmutenden Fahrt zur Anlegestelle der öffentlichen Fähre zu kutschieren. Von dort nehme ich das Boot nach Sehel, meiner kleinen Insel im Nil, unweit vom Assuan-Staudamm.
Ein besinnliches Viertelstündchen
Auf der Insel angekommen, führt mich mein Weg zu Fuß durch eine malerisch-mystische Landschaft mit hohen, felsigen Granitformationen. Die Felszeichnungen dort zeugen von der über 5000-jährigen Besiedlung dieser Gegend. Damals war die umliegende Wüste noch eine Savanne, in der sich den Zeichnungen zufolge sogar Elefanten sehr wohl fühlten.
Ich mag diese ruhigen 15 Minuten Fußweg vom Fähranleger bis zu meinem Haus. Jetzt, im blauschwarzen Licht der Abendstunden, herrscht hier auf der Insel eine ganz eigene Stimmung, von der ich mich immer wieder gerne verzaubern lasse.
Auf meinem Weg muss ich durch das kleine nubische Dorf, das das Zentrum der Insel bildet. In den verwinkelten, engen Lehmgassen kenne ich mich mittlerweile bestens aus. Für Fahrzeuge, selbst für die kleinen Tuk-Tuk-Roller, ist hier kein Durchkommen. Sehel ist eine autofreie Insel.
Die meist viele Jahrzehnte alten Gebäude und Gässchen haben die typische erdfarbene Patina der hiesigen Wüstenregion angenommen. Die Häuser sind vorwiegend aus Nilschlammziegeln gebaut, fensterlos mit unregelmäßig verputzten Wänden und einer schlichten Eingangstür aus Holz. Manche Hauswände sind auch mit einem einfachen Anstrich getüncht oder mit bunten nubischen Ornamenten verziert.
Auf den Straßen treffe ich einige Frauen und Kinder, die mich teils zurückhaltend freundlich, aber oftmals auch strahlend und lärmend begrüßen. Man kennt mich und ich gehöre jetzt mehr oder weniger zu ihrer dörflichen Gemeinschaft dazu. Denn ich besitze ja ein Haus auf Sehel. „Ana ma´aya beet fi sehel“.
Das ist für einen Ausländer wie mich eher ungewöhnlich, da die Rechtslage hier im nubischen Departement von Assuan keinen Erwerb von Grundbesitz für Fremde erlaubt. Sehel gehört zum Stammesgebiet der Nubier und das wiederum gehört dem Staat. So steht mein Haus auf einem Grundstück, das mir nicht gehört. Es gehört Ahmed, den ich von meinen früheren Reisen mit der Horus kenne. Damals diente mir sein ehemaliges Elternhaus als Basislager für meine Niltouren. Erst war er mein Vermieter, dann wurden wir Partner und schließlich sind wir gute Freunde geworden.
Drei Dinge sind für jeden Hausbesitzer von besonderer Bedeutung: Lage, Lage, Lage.
Mit leichtem Herzklopfen folge ich dem Lauf der Gasse. Noch wenige Meter, und schon kann ich es sehen: Wunderschön gelegen, am Rande des Dorfes, direkt an einem Nebenarm des Nil liegt mein kleines Paradies. Sein Name: „Kugi Dool“. Das ist nubisch und bedeutet „Haus an der Stromschnelle“. Warum? Alljährlich im Sommer öffnet der Staudamm für eine bestimmte Zeit seine Tore. Wenn sich das Wasser dann seinen Weg über die Granitfelsen bahnt, grenzt das Haus mit seinem Garten direkt an einer quirligen Stromschnelle. In der übrigen Jahreszeit fließt das Gewässer dort ruhig und sanft daher. Der Nebenarm ist dann fast abgeschnitten vom Hauptstrom und bildet mit seiner unberührten Auenlandschaft ein Rückzugsgebiet für Wasservögel wie Reiher und Eisvögel.
Style kommt nicht mit der Post.
Aber auch per Telefon kann man herrlich aneinander vorbeiplanen.
Geplant war ein kleines Haus, dem traditionellen nubischen Baustil nachempfunden, gebaut aus gebrannten Nilschlammziegeln mit drei Zimmern, einer kleinen Küche und einem Bad. Daraus geworden ist: ein Haus mit vier Räumen, einem Salon, 2 Badezimmern und einer großzügig ausgestatteten Küche. Die Räume mit den für Nubien typischen Tonnengewölben gruppieren sich um einen schattigen Innenhof. Von dort gelangt man in den gepflegten Garten.
Das alles haben Achmed und seine Helfer in nur einem Jahr aus dem Boden gestampft. Architekt? Wozu braucht man einen Architekten, wenn man Ideen und geschickte Handwerker vor Ort hat?
Per WhatsApp wurde ich regelmäßig mit Fotos von den Baufortschritten informiert. Am Telefon besprachen wir z. B. den Einbau der Toilette – dachte ich. Doch im nächsten Gespräch stellte sich heraus, dass es Ahmed um die Auswahl der Bodenfliesen ging. Letztlich musste ich einsehen, dass meine nubischen Freunde so bauten, wie sie es für richtig hielten.
Und? Es war genau richtig, ihnen die weitere Planung und Durchführung zu überlassen. Nur so konnte es nicht „nur“ ein authentisches nubisches Haus werden, sondern eben auch ein modernes und zweckmäßiges, das den praktischen Wohnbedürfnissen der Menschen des 21. Jahrhunderts gerecht wird. Dazu gehört eine funktionierende Klimaanlage genauso wie eine zuverlässige Internetverbindung.
Um mir eine Freude zu machen, haben Ahmed und Galal neben den nubischen Ornamenten und Malereien mich mit einem überlebensgroßen Portrait auf der Außenwand verewigt. Das ist zwar nicht unbedingt mein Stil, aber diese Form der Wertschätzung berührt mich und erfreut mein Herz.
Ein friedliches Zuhause – für meine Familie, für meine Freunde und für euch.
Von der Eingangshalle tritt man in den beschatteten Innenhof. Bänke laden mit ihren bequemen bunten Kissen zum Verweilen ein. Wenn nach dem Sonnenuntergang langsam die Kühle vom Wasser aufsteigt und ein leichter Wind durch die geöffneten Fenster und Türen durch das Haus und den luftigen Innenhof streicht, ist dies für mich ein einzigartiger Ort der Ruhe und Inspiration.
Im Garten wachsen Dattelpalmen, Limonen und Mangobäume. Auf winzigen Parzellen, die durch ein simples, aber effektives Bewässerungssystem verbunden sind, baut Ahmed Gemüse wie Auberginen, Melonen und Okra an.
Ich kann das Haus für mich und meine Familie nutzen, und wenn ich nicht da bin, könnt ihr es gerne mieten.
Das Geschäftsprinzip ist das gleiche wie bei der Feluke: All the money we´ll get, we´ll make three parts: One for the house, one for the people and one for the owner.
Insh‘ Allah, ein schönes, bewährtes Modell.
Ahlān Wa Sahlan. Bis bald. Oder, wie die Nubier sagen: „Bein Gameel“, was „Schöne Ankunft“ bedeutet. So oder so: Ihr seid herzlich willkommen!
